Kriterien für Auswahl und Festlegung von Schutzklassen
Welche Kriterien sind entscheidend für Auswahl und Festlegung der Schutzklasse I/II bei Elektroverteilungen, Schaltschränken oder Schaltanlagen?
Diese Fragestellung ist gar nicht so selten
und ungewöhnlich. Bei den Kriterien und
Maßnahmen zur Erfüllung und Erhaltung der
Schutzklasse II besteht häufig Unsicherheit.
Leider werden auch bei Ausführungen der
Schutzklasse I nicht immer die richtigen Zusammenhänge
beachtet. Diese Probleme werden
in den letzten Jahren immer deutlicher,
weil durch eine „falsche Erdung“ der Anlagen
Störströme, vagabundierende Ströme und
auch Schutzleiterströme die EMV (Elektromagnetische
Verträglichkeit) erheblich beeinflussen.
Das ist zwar nicht Gegenstand dieser
Beantwortung, jedoch sind diese Themen u. a.
auch seit einiger Zeit auf der Agenda der nationalen
Normung mit internationalem Hintergrund
im DKE/UK 431.1 Niederspannungs-
Schaltgerätekombinationen. Hier ist ein
zukünftiger Ersatz für DIN EN 60439-1 (VDE
0660-500) [1] mit der geplanten Dokumentnummer
DIN EN 61439-1/A100 (VDE 0660-
600-1/A100) [2] in Arbeit, aber dieser Hinweis
ergeht nur zur allgemeinen Information.
Vorab eine Kurzfassung der Antwort: Elektrotechnisch
gesehen gibt es für die Entscheidung
zugunsten von Schutzklasse I oder II nur
eine Begründung: Die Zielsetzung, der „Schutz
gegen elektrischen Schlag“, muss mit den getroffenen
Maßnahmen oder den vorhandenen
Voraussetzungen erreicht werden!
Zugegeben, diese Antwort scheint doch etwas
zu theoretisch zu sein und muss Nachfragen
provozieren. Aber trotzdem besteht die Kernaussage
und wird mit dem Hinweis auf das jeweilige
Netzsystem ergänzt. In der Praxis wird
darüber hinaus in bestimmten Anwendungen
grundsätzlich die Schutzklasse II gefordert,
wie z. B. bei elektrischen Anlagen, zu deren
Bedienung Laien Zutritt haben.
Genauere Betrachtung der vorstehenden Ausführungen
führt zu folgenden Begründungen:
Durch das vorhandene oder zu errichtende
Netzsystem werden die notwendigen Voraussetzungen
geschaffen, um mit Hilfe von entsprechenden
Maßnahmen und Einrichtungen
die Zielsetzung „Schutz gegen elektrischen
Schlag“ zu erreichen. Bekannte Stichworte
hierzu: automatische Abschaltung der Stromversorgung,
maximale Abschaltzeiten, maximale
Berührungsspannungen, Impedanzen
der Fehlerschleifen, Schutzmaßnahmen usw.
Für die Elektroinstallation in Gebäuden wird
seit Erscheinen der DIN VDE 0100-410 (VDE
0100-410) [3] die automatische Abschaltung
bevorzugt, jedoch muss dies bei elektrischen
Verteilungen anders betrachtet werden.
In der Praxis wird aufgrund der Umgebungsbedingungen
in Gewerbe- und Industriegebäuden
oft ein Isolierstoff-Gehäusesystem wegen der
hohen Schutzart gewählt, das aber auch die
Bedingungen für die Anwendungen der Schutzklasse
II erfüllt. Umgekehrt wird aus optischen
oder anderen Gründen ein Stahlblech-
Schrank system gewählt, das dann in dem Fall,
in dem die Schutzklasse II notwendig ist, mit
Hilfe besonderer konstruktiver Innenausbauten
und Merkmale für die Schutzklasse II ertüchtigt
oder dafür hergestellt wurde.
Forderungen in Normen, in Richtlinien und
beispielsweise auch in den TAB, wonach bestimmte
Betriebsmittel generell in der Schutzklasse
II auszuführen sind, sind in der Regel
im Zusammenhang mit Abschaltbedingungen
und besonderen Sicherheitsforderungen als
Schutzmaßnahme entstanden (Stichwort: Bedienung
für Laien zugänglich). Bei elektrischen
Betriebsmitteln erfolgt die Klassifizierung in
Schutzklassen abhängig von der Art des
„Schutzes gegen elektrischen Schlag“. Das
heißt, damit werden die Maßnahmen und
Merk male definiert, die gegen berührungsgefährliche
Spannungen schützen.
Merkmale der Schutzklasse I: Der Schutz
gegen den elektrischen Schlag wird einerseits
durch die Basisisolierung, durch Abdeckungen
gegen direktes Berühren sowie andererseits
durch die dauerhafte und durchgängige Verbindung
der berührbaren, leitfähigen Teilen
des Betriebsmittels mit dem Schutzleiter des
fest installierten Erdungssystem gemäß DIN
VDE 0100-540 [4] erreicht. Versagt die Basisisolierung,
dann muss über den Schutzleiter
zwingend eine automatische Abschaltung
durch die dem Fehler vorgeschaltete Schutzeinrichtung
erfolgen. Voraussetzung dafür
aber ist die Erfüllung der entsprechenden Abschaltbedingungen.
Die Abschaltbedingungen
setzen wiederum Maßnahmen voraus, die
vom jeweiligen Netzsystem bestimmt werden
bzw. davon abhängig sind.
Die Betrachtungen der Netzsysteme (TN-, TT- oder
IT-System) beginnen immer von der Netz-Zugangsseite und müssen deshalb mit der
Gesamtanlage koordiniert werden, damit
andere Maßnahmen das Ziel nicht beeinträchtigen
oder aufheben. Sind die Abschaltbedingungen
auf Basis des geplanten oder
vorhandenen Erdungssystems für die elektrische
Verteilung auf diesem Weg nicht zu erreichen,
dann muss durch andere Maßnahmen
das Schutzziel „Schutz gegen elektrischen
Schlag“ erreicht werden, wie beispielsweise
durch Einsatz einer zusätzlichen Fehlerstrom-
Schutzeinrichtung (RCD) vor der elektrischen
Verteilung der Schutzklasse I. Bei
großen Leistungen ist dieser Weg teilweise
mit hohem Aufwand und Kosten verbunden,
da Leistungsschalter mit additiven Einrichtungen
die Differenzstromüberwachung und im
Fehlerfall auch die automatische Abschaltung
garantieren müssen. Als Alternative wird in
solchen Fällen die Ausführung der Schaltanlagen
in Schutzklasse II gewählt, welche derzeit
in der Praxis bis zu Bemessungsströmen von
etwa 2500 A realisiert werden können.
Merkmale der Schutzklasse II: Der Schutz
gegen den elektrischen Schlag baut natur -
gemäß auf der Basisisolierung auf. Sämtliche
leitfähigen Konstruktionsteile des Betriebsmittels
im Inneren der gemeinsamen Außenhülle
aus Stahlblech oder Isolierstoff werden
auch im Inneren dieser Umhüllung nicht mit
dem Schutzleiter verbunden, sondern im
Betriebszustand zusätzlich gegen Berühren
isolierend abgedeckt. Das heißt, die Gesamtheit
aller leitfähigen Konstruktionsteile des
Betriebsmittels im Inneren sind und dürfen
auch nicht konstruktiv mit einer leitfähigen gemeinsamen
Außenhülle (z. B. Stahlblechhülle)
verbunden werden. Daraus resultieren dann
auch logische Bedingungen für den „durchgeschleiften“
Schutzleiter im Inneren der Verteilung,
der selbstverständlich zugeführt und
dann verteilt wird. Die Betriebsmittel zur Verteilung
des Schutzleiters (z. B. Klemmen oder
Schienen) müssen ebenfalls gegenüber den
anderen leitfähigen Konstruktionsteilen isoliert
werden. Konstruktive Elemente zur Verbindung
des Innenausbaus/Traggerüsts mit
der Außenhülle dürfen nur isoliert mit der leitfähigen
Hülle verbunden werden. In der Praxis
wird aufgrund einer zweiten zusätzlich verstärkten
Isolierung der spannungsführenden
Betriebsmittel und Verbindungen von einer
Doppelisolierung gesprochen (auch bekannt
als Schutzisolierung).
Die Anforderungen im Einzelnen, inklusive der
entsprechenden Prüfkriterien, können den
einschlägigen Betriebsmittelnormen, wie z. B.
DIN EN 60439-1 [1], DIN EN 60439-3 [5] sowie
DIN VDE 0603-1 [6] entnommen werden.
Typgeprüfte Niederspannungs-Schaltgerätekombinationen
TSK oder PTSK müssen gemäß
[1] grundsätzlich in einer geeigneten
Schutzklasse ausgeführt sein. Nach Abschnitt
1.1 in [1] gilt dies sowohl für Schaltgerätekombinationen
für die Erzeugung, Verteilung
und Umformung von elektrischer Energie, als
auch für die Steuerung von Betriebsmitteln,
die elektrische Energie verbrauchen. Danach
ist die Schutzklasse I und die Schutzklasse II
zulässig.
Niederspannungs-Schaltgerätekombinationen
in Wohnhäusern sind nur unter der Voraussetzung
zulässig, dass die für diese Zwecke
geltenden zusätzlichen Anforderungen (siehe:
Bedienung durch elektrotechnische Laien) erfüllt
sind. Solche zusätzlichen Anforderungenregelt neben der DIN EN 60439-3 [5] (z. B. für
Installationsverteiler mit Schutzeinrichtungen
zur Anwendung im Wohnbereich, zu deren Bedienung
Laien Zutritt haben) auch die DIN VDE
0603-1 [6] – insbesondere den Anwendungsbereich
für Betriebsmittel der Energiezuführung,
Energieverteilung und Energiemessung
in elektrischen Anlagen für Wohnhäuser,
Schulen, Verwaltungs-, Bürogebäude und ähnliche
Anlagen. Zum Anwendungsbereich der
DIN VDE 0603-1 [6], Abschnitt 2, zählen:
- Installationskleinverteiler nach DIN 43871 und
- Zählerplätze nach Normenreihe DIN 43870.
Gemäß [6], Abschnitt 4.1.1, müssen die oben
aufgeführten Betriebsmittel schutzisoliert (in
der Schutzklasse II) ausgeführt werden. Diese
Festlegungen ist gleichlautend auch schon
seit einigen Jahrzehnten in den TAB und Richtlinien
der Energieversorger.
Fazit. Mit all diesen Erläuterungen sind nun
sicherlich alle wichtigen Kriterien, die für die
Auswahl und Festlegung der Schutzklasse I
oder II bei Elektroverteilungen und Schaltanlagen
von Bedeutung sind, ausreichend begründet,
ohne an dieser Stelle weiter in die
Tiefe gehen zu müssen. Kenntnisse zu den
Netzsystemen sowie auch Zusammenhänge
zu Berührungsspannungen, Abschaltzeiten, zu
einzelnen Schutzmaßnahmen und den entsprechenden
Schutzeinrichtungen werden als
bekannt vorausgesetzt.
Zur Information und Vervollständigung sei
noch erwähnt, dass die Schutzklasse 0, bei
der neben der Basisisolierung kein Schutz
gegen den elektrischen Schlag besteht, in
Deutschland und auch Österreich verboten ist.
Die Schutzklasse III (Schutzkleinspannungen)
kann zwar im Zusammenhang mit elektrischen
Verteilungen der Schutzklassen I oder II zum
Einsatz kommen, ist jedoch auch nicht
Gegenstand der vorgenannten Betrachtungen
und Fragestellung.
DIN EN 60439-1 (VDE 0660-500):2005-01 Niederspannungs- Schaltgerätekombinationen Teil 1: Typgeprüfte und partiell typgeprüfte Kombinationen.
Normentwurf DIN EN 61439-1/A100 (VDE 0660- 600-1/A100):2009-09 Niederspannungs-Schaltgerätekombinationen Teil 1: Allgemeine Festlegungen.
DIN VDE 0100-410 (VDE 0100-410):2007-06 Errichten von Niederspannungsanlagen Teil 4-41: Schutzmaßnahmen Schutz gegen elektrischen Schlag.
DIN VDE 0100-540 (VDE 0100-540):2007-06 Errichten von Niederspannungsanlagen Teil 5-54: Auswahl und Errichtung elektrischer Betriebsmittel Erdungsanlagen, Schutzleiter und Schutzpotentialausgleichsleiter.
DIN EN 60439-3 (VDE 0660-504):2002-05 Niederspannungs-Schaltgerätekombinationen Teil 3: Besondere Anforderungen an Niederspannungs- Schaltgerätekombinationen, zu deren Bedienung Laien Zutritt haben; Installationsverteiler.
DIN VDE 0603-1 (VDE 603-1):1991-10 Installationskleinverteiler und Zählerplätze AC 400 V; Installationskleinverteiler und Zählerplätze.