Skip to main content
Leseranfrage

Verwendung von Aderendhülsen an flexiblen Leitungen

Ausgabe 5/2013

Ich bin als Berufsschullehrer im Fachgebiet Elektrotechnik tätig. Unlängst fragte

mich ein Auszubildender, welche Bedingungen an das Anbringen von Aderendhülsen gestellt werden. Hintergrund seiner Frage ist, dass dem Auszubildenden während der letzten Zwischenprüfung (d. h. Teil 1) durch einen Prüfer das Einklemmen flexibler Drähte (mit Aderendhülsen) in eine Reihenklemme als Fehler angerechnet wurde. Der Prüfer hätte gesagt: „In Reihenklemmen ... dürfen flexible Adern keine Aderendhülsen aufweisen ...“

Meines Wissens nach dienen Aderendhülsen in erster Linie dazu, die Stromdichte für den gesamten Querschnitt und nicht für einzelne, abspleißende Drähte sicherzustellen.

Was ist fachlich richtig?

Verwendung von Aderendhülsen. Aderendhülsen werden verwendet um fein- und feinstdrähtige Leiter gegen Beschädigungen beim Anschluss zu schützen. Besonders das Klemmen in Schraubklemmen ohne Drahtschutz kann ansonsten zu einer unzulässigen Beschädigung der feinen Einzeldrähte führen. Typische Beispiele für solche Klemmen sind Lüsterklemmen sowie Dolüklemmen mit Schrauben ohne Drahtschutz, die nur für den Anschluss eindrähtiger oder entsprechend
vorbehandelter Leiter zugelassen sind.
Darüber hinaus vermeiden Aderendhülsen das Aufspleißen der Einzeldrähte von fein- und feinstdrähtigen Leitern und erleichtern so das sicherere Einführen in die Klemmstelle. Das früher häufig angewendete Verlöten der Leiterenden von fein- und feinstdrähtigen Leitern als Vorbereitung zum Anschluss ist nicht zugelassen, weil das weiche Lot bei Druckbeanspruchung durch die Klemme nachgibt (fließt)
und die Verbindung sich lockert.
Unterschieden werden nichtisolierte Aderendhülsen nach DIN 46228-1 [1] und isolierte Aderendendhülsen mit Kunststoffkappe nach DIN 46228-4 [2]. Die Kunststoffkappe erleichtert das Einführen eines abisolierten Leiters in die Aderendhülse und kennzeichnet durch ihre Farbe die Hülsen für die unterschiedlichen Querschnitte. Des Weiteren sind Zwillings-Aderendhülsen (sogenannte Twin-Hülsen) im Handel, die das Anschließen von zwei Leitern an eine Klemmstelle, z. B. zum Durchschleifen, ermöglichen.
Anforderungen an Klemmen. Die allgemeinen Anforderungen an Klemmen sind in DIN EN 60999-1 (VDE 0609-1) [3] festgelegt. Danach müssen Klemmstellen grundsätzlich unvorbereitete Leiter aufnehmen können. Als unvorbereitet
gelten Leiter, an dessen Ende vor dem Einführen in die Klemme lediglich die Leiterisolierung am Leiterende entfernt werden muss. Vorbereitet sind Leiter, deren Ende mit einer Öse, einer Aderendhülse, einem Kabelschuh oder einem ähnlichen Anschlussmittel versehen ist.
Wenn eine Schraubklemmstelle oder eine schraubenlose Klemmstelle nur eine bestimmte Leiterart aufnehmen kann, z. B. nur eindrähtige Leiter, muss sie vom Hersteller besonders gekennzeichnet sein. Diese Kennzeichnung muss auf der einzelnen Klemme, auf der Verpackung oder in der technischen Dokumentation angegeben sein. Sind die Klemmen jedoch sowohl für den Anschluss von starren als auch von flexiblen Leitern ausgelegt, ist keine Kennzeichnung notwendig.
Die Kennzeichnung der Klemmen erfolgt unter Anwendung der folgenden internationalen Kennzeichnungen der Leiterbauarten:

  • r = starr (englisch = rigid),
  • f = flexibel (englisch = flexible),
  • s = mehrdrähtig (englisch = stranded) und
  • sol = eindrähtig (englisch = solid).

Daraus folgt, wenn Klemmen nicht besonders gekennzeichnet sind, müssen sie für den Anschluss von unvorbereiteten Leitern aller Bauarten geeignet sein.
Reihenklemmen sind heute hinsichtlich ihrer Konstruktion so ausgelegt, dass ein-, mehr-, fein- und feinstdrähtige Leiter ohne Vorbehandlung (also ohne Draht- und Spleißschutz) direkt geklemmt werden können. Besonderes Herrichten der Leiter nach dem Abisolieren, wie z. B. das Aufpressen von Aderendhülsen, ist in der Regel nicht notwendig.
Das bedeutet jedoch nicht, dass für solche Klemmen zum Anschluss von fein- und feinstdrähtigen Leitern keine Aderendhülsen verwendet werden dürfen. Sie werden zwar nicht für den Drahtschutz benötigt, erleichtern aber das Einführen der abisolierten Leiterenden in Klemmen erheblich und vermeiden das Abspleißen von einzelnen Drähten. Für ein- und mehrdrähtige Leiter sind Aderendhülsen nicht
zulässig.
In der DIN EN 60947-7-1 (VDE 0611-1) [4] heißt es hierzu im Abschnitt 4.3.5 u. a.:
„Die Leiter dürfen starr (ein- oder mehrdrähtig) oder flexibel sein. Der Hersteller muss die Arten und die größten und kleinsten Leiterquerschnitte und die Anzahl der anschließbaren Leiter angeben. Er muss ebenso jede erforderliche Vorbereitung des Leiterendes angeben.“ In den Dokumentationen der Hersteller von
Reihenklemmen wird immer wieder darauf hingewiesen, dass Kupferleiter aller Arten ohne weitere Vorbehandlung der Leiter geklemmt und Aderendhülsen zum Spleißschutz eingesetzt werden können. In der Industrie ist es vielfach üblich, für die Verdrahtung bereits fertig konfektionierte, mit Aderendhülsen als Spleißschutz
versehene Leiter einzusetzen. Solche Leiter lassen sich erheblich schneller verarbeiten als unvorbereitete feindrähtige Leiter.
Zusammenfassung. An Reihenklemmen angeschlossene feindrähtige Leiter müssen in der Regel nicht mit Aderendhülsen versehen werden. Es ist jedoch nichts gegen eine Anwendung als Spleißschutz einzuwenden, wie sie in der Praxis üblich ist. Auf keinen Fall ist dies als Fehler anzusehen.
Es ist zu vermuten, dass es hier während der Zwischenprüfung zu einem Missverständnis gekommen ist. Um den Sachverhalt zu klären, sollten der Anfragende als Fachlehrer Rücksprache mit dem Prüfungsausschuss halten
oder seinen im Prüfungsausschuss tätigen Kollegen bitten, eine Klärung herbeizuführen.

Literatur:

DIN 46228-1:1992-08 Aderendhu?lsen; Rohrform ohne Kunststoffhu?lse.

DIN 46228-4:1990-09 Aderendhu?lsen; Rohrform mit Kunststoffhülse.

DIN EN 60999-1 (VDE 0609-1):2000-12 Verbindungsmaterial – Elektrische Kupferleiter – Sicherheitsanforderungen fu?r Schraubklemmstellen und schraubenlose Klemmenstellen – Teil 1: Allgemeine Anforderungen und besondere Anforderungen für Klemmstellen fu?r Leiter von 0,2 mm2 bis einschließlich 35 mm2.

DIN EN 60947-7-1 (VDE 0611-1):2010-03 Niederspannungsschaltgeräte – Teil 7-1: Hilfseinrichtungen – Reihenklemmen fu?r Kupferleiter